Braunschweiger Goldschmiede
Die frühe Freiheit der Braunschweiger Goldschmiede
Die früheste Gildeurkunde der Stadt – vielleicht sogar der älteste Innungsbrief für deutsche Goldschmiede ist das 1231 datierte Privileg für die Braunschweiger Goldschmiede der Altstadt. In dieser Urkunde, in der erstmals Ratsherren genannt werden, wird bestätigt, daß die Goldschmiede als erste Gilde in der Stadt freie Meisterwahl erhielten und der Zunftzwang alleine von ihnen ausgeübt werden konnte.

Der bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts zunehmend enge Kontakt Braunschweigs zu den Städten der Hanse wird dann während der nachfolgenden Jahrhunderte für die Stadt von wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Die engen familiären Verflechtungen der Gildemitglieder mit dem Rat hatte zur Folge, daß die erste Phase der Entwicklung der Goldschmiede bis zur Ordnung von 1562 innerstädtisch recht ungestört verlief und außerdem die Gilde auch wesentlichen Einblick in die außenpolitischen Verhältnisse der Stadt hatte.

Trotz mehrerer sozialer Veränderungen, bewirkt durch Krisen in der Stadt, stand um 1400 innerpolitisch die wohlhabende Altstadt, die die Mehrzahl der Goldschmiede stellte, selbstbewußt da in einer Zeit, als im niedersächsischen Bereich Braunschweig die einzige Großstadt war. Braunschweig ist jedoch vor Ausstellung des heute noch erhaltenen Privilegs von 1231 die erste namentliche Nennung von Goldschmieden erfolgte erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts bereits als Kunststätte bekannt, in der hervorragende Werke der Goldschmiedekunst entstanden.

Die zweite Phase der Geschichte der Gilde nach Ordnung von 1562 wird durch eine innerstädtische Entwicklung vorbereitet: Bereits während des 15. Jahrhunderts sind die patrizischen Fernkaufleute in der Gilde nicht mehr dominierend; die Großkaufleute des 16. und 17. Jahrhunderts, die die Patrizier ablösten, standen den Goldschmieden ebenbürtig zur Seite.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wächst die Zahl der Goldschmiede in Intervallen, ab Mitte des 16. Jahrhunderts ist eine stetige Steigerung festzustellen bis zum Höhepunkt in der Mitte der 2. Jahrhunderthälfte; um 1600 ist ein Stand erreicht, der in kleinen Schritten bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurückgeht. Da ab der Mitte der 16. Jahrhunderts die schriftlichen Quellen zur Gildegeschichte reichlich fließen, lassen sich die Bemühungen der Gilde um Exklusivität, um die Reduzierung aller Neuaufnahmen deutlich verfolgen, eine Entwicklung, die erst die Ordnung von 1701 abschließt; in sie leitet die Ordnung von 1562 über.

Obwohl der Rat die Beschauzeichen bereits 1338 fordert und schon 1395 das Meisterzeichen erwähnt wird, sind ungeachtet dieser frühen archivalischen Belege heute die frühesten Beschauzeichen und Meisterzeichen erst auf Arbeiten aus dem Ende des 16. Jahrhunderts bekannt. So sind die erhaltenen Marken auf Silberbarren – schon aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts – von großer Bedeutung. Sie sollten dem Silber, das als Zahlungsmittel diente, die Qualität des Materials bescheinigen. Es ist bezeichnend, zumal die Verbindung der Goldschmiede zur Münze archivalisch erwiesen ist, daß auf den Barren, die das Stadtzeichen trugen, Silberbrenner Marken eingeschlagen hatten.

Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde es üblich, daß die Goldschmiede neben den Stadtzeichen und dem Meisterzeichen auch einen Buchstaben, das Ältermannszeichen, punzten. Um festzustellen, wer die Beschau vornahm, besaß jeder der Prüfenden – die beiden Ältermänner im Auftrag der Gildemeister einen Buchstaben, der erst bei Ausscheiden des Prüfers in alphabetischer Folge gewechselt wurde.

Am Ende der Gildegeschichte in dieser zweiten Phase der Gilde endet die vorrangig bürgerliche Epoche: Um 1700 beginnt Braunschweig, eine Fürstenstadt zu werden. Der Hof und seine Beamten bestimmten das Leben, und damit gab es eine neue Kundenschicht und neue Auftraggeber für die Goldschmiede. Die Arbeiten, die seit 1600, als der Höhepunkt der Meisterzahl überschritten war, mit Beschau- und Meisterzeichen einem bestimmten Goldschmied zugeordnet werden können, sind gerade zu Beginn auffallend qualitätvoll.

Die Kontakte dieser Goldschmiede am Ende des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts sind in kleinen Gruppen untereinander offensichtlich eng, so wie sie sich auch anscheinend nach außen hin durch Leistungsfähigkeit auswärtigen anspruchsvollen Kunden gegenüber gruppieren. Betrachtet man generell die Werke, so fallen natürlich zunächst einzelne Prunkstücke auf: Zepterpaar, figürliche Trinkgefäße, Scherzpokale, Willkommen, Kannen und Becher und, natürlich, da Münzen und Medallien allgemein vermehrt in der Goldschmiedekunst als Verzierung eingesetzt werden, Münzhumpen und Münzpokale.

Insbesondere die schriftlichen Quellen belegen jedoch, daß große Trinkbecher und Pokale im Verlauf des 17. Jahrhunderts durch den Wandel im Gebrauch und durch veränderte Tischsitten an Bedeutung verlieren; Becher Schalen und Bestecke bleiben dagegen in der Anzahl etwa gleich.

Noch vor der Wende zum 18. Jahrhundert gibt es für Braunschweig erste schriftliche Belege über Silberleuchter; sie und Kaffeekannen sind als Vorboten für eine neue Mode zu werten. Die Einführung der Warenmesse in der Stadt am Ende des 17. Jahrhunderts war für Braunschweig bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung; so kam die letzte Ordnung der Goldschmiede im Jahr 1701 nicht unerwartet, da sie in ihrem Geltungsbereich den Wandel zur Residenzstadt signalisierte. Sie galt das ganze 18. Jahrhundert.

Eine Überarbeitung dieser Ordnung 1762 war letztlich bedeutungslos. Denn eine Neuordnung des Handels im ganzen Herzogtum deutete sich schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts an, als die Meisterzahl der Goldschmiede statistisch nochmals einen Höhepunkt anzeigte, obwohl sich das Verhältnis der Handwerker, der Kaufleute und der Manufakturen untereinander bereits veränderte. Im Zuge der herzoglichen Wirtschaftspolitik werden nicht nur die Manufakturen intensiv gefördert, sondern auch Handwerksbetriebe – auch die Goldschmiede – individuell beurteilt, das heißt es war längst der gesellschaftliche Rang und der Einfluß der Gilde auf die gesamtstädtischen Belange geschwunden.

Am Ende des 18. Jahrhunderts war es dem modernen Stadtbewohner fremd, die traditionellen Gebräuche des Handwerks zu verstehen. So ist bereits die "Ordnung für die Gilden im Herzogtum", 1765, ein modernes Gesetz. Am Ende des Jahrhunderts beschränkten sich die Rechte der Gilden letztlich nur noch darauf, Gesuche bei der herzoglichen Verwaltung vorzutragen.

Die napoleonische Zeit brachte für Braunschweig tiefgreifende Veränderungen: 1806 eine neue Regierung, die dann 1809 mit der Auflösung der Gilden den längst eingeleiteten Verfall beschließt. Die Messen wurden stark benachteiligt, nachdem 1842 das Land Braunschweig Anschluß an den Deutschen Zollverein fand und die Stadt dadurch in spürbaren Gegensatz zu dem verkehrsgünstigeren Hannover gebracht wurde. Die Umwandlung der alten wiederbelebten Gilden in neue Innungen, nun allerdings ohne Pflichtbeitritt, erfolgte 1864; 1870 wurde die städtische Gewerbeschule gegründet, sie hieß ab 1892 Handwerkerschule.

Die Statistik der Meister zeigt, daß noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgewiesene Höhepunkte der Meisterzahl bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts abgebaut wird und die Meisterzahl sich auf niedrigem Niveau einpendelt.

Es ist ein Glücksfall, daß das Inventar des Braunschweiger Schlosses im Hinblick auf Goldschmiedearbeiten wenigstens für einen kurzen Augenblick, 1731, betrachtet werden kann. Verbunden mit einer bildlichen Darstellung aus diesem Schloß, drei Jahre zuvor, läßt es erkennen, welche Ansprüche im Hinblick auf Tafelgerät auch die heimischen Goldschmiede in der noch jungen Messestadt für den neu entstehenden Hof erfüllen konnte.

Die Zuarbeiten einer Kupferstecherwerkstatt für Gravierungen waren dabei erforderlich. Daß nun das herkömmliche Meisterstück, ein Pokal, in der Mitte des 18. Jahrhunderts durch eine zeitgemäße Kaffeekanne abgelöst wurde, war nur ein äußeres, verspätetes Zeichen eines Wandels, der sich schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts ankündigte. Am Ende des Jahrhunderts, als die Selbstverwaltung der Gilden beseitigt war, kann einer der letzten Zunftspokale, der Willkomm der Schmiedegesellen aus dem Jahre 1790, geradezu symbolisch gesehen werden; spätere Pokale, so die um 1830, sind als Gaben nicht mehr primär im Umkreis der Zünfte zu suchen.
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